Aufnahme allgemein
Der Erste Schultag

Wie die Arbeit in den gemeinsamen Jahren verlaufen wird, hängt bereits davon ab, wie der Klassenlehrer jeden Faden einfädelt, wie er zum Beispiel für seine Schüler den Schulanfang gestaltet.

Er muss sich überlegen, wie er sie empfangen und begrüßen will, was er ihnen sagen möchte, wie er sie schrittweise in die große Schulgemeinschaft einzuführen gedenkt. Gründlich vorbereitet erwartet er:

Die Einschulungsfeier - ein bedeutsamer Augenblick für Lehrer und Kind

Welch ein bedeutsamer Tag, nicht nur für die Kleinen! Wollen doch vielerorts außer den Eltern viele Verwandte miterleben, wie der kleine, aufgeregte Schulanfänger vom Klassenlehrer und der Schulgemeinschaft aufgenommen wird. Aufregung herrscht auch in den Klassen, bei Eltern und Lehrern, nicht zuletzt aber bei dem, der an diesem Tag zum ersten Mal "seine Kinder" zusammenführen und sie von nun an täglich begleiten und unterrichten wird! Für manchen wird diese Feier eine Gelegenheit bieten, ihn als Pädagogen kennen zu lernen und das Vertrauen in ihn zu festigen.

Jede Schule hat ihre eigene Art, diese Feier zu gestalten. Als ein Beispiel von vielen Möglichkeiten sei gestattet, auch eine Einschulungfeier der Schule in Hamburg-Bergstedt, wo ich seit 22 Jahren als Klassenlehrer tätig bin, zu schildern:

Die Eltern mit ihrem Schulanfänger, begleitet von etlichen Verwandten, nehmen als erste vorn in der geräumigen Aula Platz und warten darauf, dass sich Klasse für Klasse hinter ihnen versammelt. Nach einer Eröffnungsmusik des Schul- oder eines Klassen-Orchesters heißt ein Lehrer die neuen Eltern mit ihrem Kinde im Kreise der Schulgemeinschaft willkommen und stellt einige wesentliche Gedanken vor alle hin. Er bittet dann den Klassenlehrer auf die Bühne. Nach seiner kurzen Begrüßung wartet die "gesamte Schule" mit Spannung darauf, welche "Geschichte" dieser Lehrer "seinen" Kindern erzählen wird. Fast immer ist es ein Märchen, das ihnen in diesem Schuljahr zu einem Leitmotiv werden kann. Solche Anfangsmotive wurden bei Abschlussfeiern der 12. Klassen von den Schulabgängern manchmal aufgegriffen. Schüler äußerten ihr Erstaunen darüber, wie treffend ihr Klassenlehrer damals das jeweilige Motiv für sie ausgewählt habe.

Noch ist der Klassenlehrer allein auf der Bühne, und mancher wird mitfühlen, wie schwer es für ihn sein mag, vor all den Menschen so persönlich zu seinen Schülern zu sprechen. Hat er bereits eine Klasse geführt, sind auch seine "ehemaligen" Schüler im Raum und hören gespannt, aber auch - dem Alter entsprechend - kritisch zu. So bedeutet die ganze Feier eine gewisse Prüfung für ihn. Es ist erstaunlich, wie aufmerksam selbst die älteren Schüler an solchem Tag einer Märchenerzählung folgen. Man könnte eine Stecknadel fallen hören!

Die 4. Klassen haben kleine farbenfrohe Schultüten gebastelt, die vom Klassenlehrer inzwischen mit allerlei "Wegzehrung" gefüllt wurden: Obst, Nüsse, Rosinen, manchmal ein Brotknust (symbolische Bedeutung: Stärkendes, Erfrischendes, aber auch Dinge zum Knacken und mühsamem Kauen - dem Weg durch die Schulzeit entsprechend). Diese "Schultüten" wurden mit den Namen der neuen Kinder versehen und befinden sich nun in einem großen Waschkorb auf der Bühne. Der Klassenlehrer greift hinein, nimmt irgendeine Tüte heraus (so umgeht man die alphabetische Reihenfolge) und liest den Namen vor. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie unterschiedlich sich die Kleinen von ihren Eltern lösen, nach vorn auf die Bühne stapfen, die Hand zum Gruße reichen und die Schultüte entgegennehmen - je nach Temperament: Bei einem Kind erlebt man ein wackeres, zielgerichtetes Drauflosstürmen, sogleich nach der Hand, dann nach der Tüte greifend; bei anderen gewahrt man ein gemächliches, friedliches Schlendern und ruhiges Begrüßen; oder man erlebt ein heiteres, vergnügtes Dahineilen, den Eltern von der Bühne aus winkend; wieder andere stehen zaghaft auf und wenden sich noch einmal den Eltern zu, um und dann besonnenen Schrittes nach vorn zu gehen. Welch bedeutsamer Augenblick für Lehrer und Kind ist doch diese erste Begrüßung vor der Schulgemeinschaft!

Bald sitzen alle Kinder vorn auf langen Bänken dicht beisammen: "Das ist die neue erste Klasse!" In diesem Augenblick spürt man ein tiefes Glücksgefühl: Die gemeinsame Arbeit kann beginnen! Jedem Kind wird von Schülern einer höheren Klasse (mitunter sind es "seine Ehemaligen") eine große leuchtende Blume überreicht. Manchmal werden auch kleine Geschenke ausgeteilt, die sich die Zweit- oder Drittklässler ausgedacht haben.
Es ist Zeit zum Aufbruch! Im Gänsemarsch zieht der Klassenlehrer mit seiner Schar durch die Aula, während die Schulgemeinschaft das folgende Schullied singend mit auf den Weg gibt:

"Ich bin die Mutter Sonne
und trage die Erde bei Nacht,
die Erde bei Tage.
Ich halte sie fest und strahle sie an,
daß alles aus ihr wachsen kann.
Stein und Blume, Mensch und Tier:
Alles empfängt sein Licht von mir.
Tu auf dein Herz wie ein Becherlein,
denn ich will leuchten auch dort hinein.
tu auf dein Herzlein, liebes Kind,
daß wir ein Herz zusammen sind."

Verstohlen suchen die Blicke einiger Schulanfänger - je nach Temperament - ihre Eltern in der Menge ausfindig zu machen - dann führt sie der Weg mitten in das Schulleben hinein.

Die Eltern werden nun von der Schule zu einem Frühstück eingeladen, wobei sie Gelegenheit haben, auch einige Fachlehrer kennen zu lernen. Es wird einige Zeit vergehen, bis die Kleinen ihre erste Schulstunde in Ruhe und ohne Klingelzeichen absolviert haben.

Mitunter ist es für Eltern nicht einfach, ihr Kind in diesen neuen Lebensabschnitt zu entlassen. Wird man doch in Kauf nehmen müssen, dass es "seinen" Klassenlehrer mehr und mehr lieben und sich ihm ganz anvertrauen will, um gut lernen zu können. So ist dieser Tag zugleich ein Wendepunkt, der große Freude, für einige aber auch etwas Abschiedsschmerz beinhaltet, den man seinem Kind zuliebe hoffentlich schnell überwinden kann.

Die erste Schulstunde - "Ihr seid gekommen, weil ihr lernen wollt!"
Der große Augenblick, auf den man sich schon lange vorbereitet hat, ist gekommen. Auch feine Nuancen hat man sich überlegt, denn wie man den Faden einfädelt, so wird er später laufen. So weiß man vorher, wo und wie man die Kinder am ersten Tag zu ihren Plätzen führt, wie man sie dann als ganze Klasse begrüßen wird. Vielleicht spricht man ihnen auch schon einmal den Morgenspruch vor, der täglich den Anfang bilden wird.

Den Verlauf dieser ersten Schulstunde hat Rudolf Steiner 1919 seinen ersten Lehrern skizzenhaft vorgetragen, und er dient heute noch weltweit den Klassenlehrern als Anregung. Macht man doch in diesem großen Augenblick seine Schüler darauf aufmerksam, weshalb sie in die Schule kommen: "Ihr seid gekommen, weil ihr lernen wollt!" Mit dieser Tatsache muss man sich vorher selbst ganz durchdringen, um den Kindern aus tiefer Überzeugung sagen zu können, dass in ihren Seelen der Wille zum Lernen lebt. Auch die nötige Achtung vor dem, was die Großen schon können, klingt in dieser Stunde an, indem man sie darauf aufmerksam macht, was sie in der Schule lernen dürfen. Man wird nicht sagen, dass sie hier "schreiben lernen", denn einige würden leise oder laut denken: "Das kann ich - ich kenne schon alle Buchstaben", sondern - der Anregung Steiners folgend - sie darauf aufmerksam machen, dass die Erwachsenen sich gegenseitig Briefe schreiben und dass sie das eines Tages ebenfalls können werden (ein sozialer Aspekt!). Auf ähnliche Weise verläuft das weitere Gespräch mit den Kindern, indem man berücksichtigt, dass sie durch die Worte ihren Lehrer mehr und mehr als eine "Autorität" (Näheres dazu im Kapitel "Autorität") empfinden lernen, zugleich auch Achtung vor dem entwickeln, was ihre Eltern bereits können.

Ein Höhepunkt dieser ersten Schulstunde ist gekommen, wenn man nach entsprechender Vorbereitung alle Kinder einzeln an die Tafel bittet, um sie mit ihren Händen eine gerade und krumme Linie anzeichnen zu lassen. Man hat ihnen soeben mit entsprechenden Erläuterungen diese beiden Linien groß an der Tafel vorgemacht, hat die Kinder ihre Hände anschauen lassen und ihnen dabei gesagt, dass diese in der Schule besonders geschickt werden sollen. Von Anfang an steht …der tätige Mensch im Mittelpunkt! Für den Klassenlehrer ergibt sich beim Nach-vorn-Kommen, beim Auswählen der farbigen Kreide und Anzeichnen die Möglichkeit, die Kinder einzeln zu erleben und diese ersten Eindrücke liebevoll zu bewahren, bis sie sich zu einem inneren Bild, das man sich langsam von jedem Kind machen wird, zusammenschließen.
Gegen Ende dieser ersten Schulstunde erzählt man gegebenenfalls die in der Aula unterbrochene "Geschichte" zu Ende oder beschließt den Unterricht mit einer anderen kurzen Erzählung. Nach einer gemeinsamen Verabschiedung wird man sich nicht entgehen lassen, an der Tür jedem Kinde die Hand zu reichen und ihm in die Augen zu schauen - wie man es fortan täglich tun wird.

Vor der Tür warten inzwischen voller Spannung die Eltern, und viele lassen sich von ihrem Kind an der Tafel zeigen, welche "Gerade" oder "Krumme" von ihm gezeichnet wurde. Freilich möchten die Eltern auch so manches im Bild festhalten, und so wird oftmals dieser erste Morgen damit enden, dass die Eltern die Kinderschar mit ihrem Lehrer fotografieren.

aus: "Der Klassenlehrer an der Waldorfschule", Helmut Eller, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1998

 
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