Der Schularzt an der Waldorfschule

Die Institution des Schularztes in der Waldorfschule verdient eine selbständige Betrachtung.

Seine  Stellung  innerhalb  der  Waldorfschule  muss  man  unter  zwei  wesentlichen

Gesichtspunkten betrachten. Aus den letzten Kapiteln wird deutlich, welche Bedeutung in der Waldorfpädagogik die Gesundheitsthematik hat. Die Gesundheitssituation der Schuler genau zu  beobachten,  ist  in  der  Waldorfschule  primär  eine  Aufgabe  der  Lehrer,  insbesondere  der Klassenlehrer,  die  über  acht  Jahre  alle  Hauptfächer,  meistens  auch  einige  der  Nebenfächerunterrichten und vor allem menschlich (durch „dieses bedeutsamste Verhältnis von Mensch zu  Mensch“ zwischen  dem  erziehenden  und  unterrichtenden  Menschen  und  den aufwachsenden Menschen„   Steiner)  mit  den  Schülern  verbunden  bleiben.  Gerade  weil  der Unterricht und überhaupt alles, was in der Klasse vorgeht, immer etwas einseitige Tätigkeiten sind und krank machen können, muss es gerade der Lehrer sein, der sich nicht bloß auf den Unterrichtsstoff,  sondern  auf  ” den  werdenden  Menschen„   konzentriert  und  zwar  auf  ” den ganzen  Menschen„ ,  nicht  nur  auf  seinen  Intellekt.  Die  geistig-seelisch-körperliche Entwicklungssituation  des  Schulers  mit  ihren  Einseitigkeiten  und  Gefahren  ist  maßgeblich für  die  Gesundheitsentwicklung.  Außerdem  muss  die  ganze  Erziehung  und  der  ganze Unterricht  im  zweiten  Jahrsiebt  auf  eine  Belebung  und  Stärkung  der  Lebenskräfte  hinangelegt werden.

Es soll also nach Steiner in der Schule nicht primär oder sogar ausschließlich der Schularzt” ein  Spezialist„   sein,  der  nur  alle  heiligen Zeiten  in  die  Schule kommt  und  mit  ein  paar Blicken  den  Gesundheitszustand  eines  Kindes  beurteilt.  Es  wäre  falsch,  wenn  man  die Entwicklung  der Schuler  aufteilen wurde auf das  Seelische, wofür  der Lehrer  zuständig  ist, und  auf  das  Körperliche,  womit  sich  der  Arzt  befasst.  Steiner  will  damit  sicher  nicht  die Notwendigkeiten  einer  ärztlichen  Behandlung  in  den  Fällen  bestreiten,  in  denen   Kinderwirklich  in  akute  oder  chronische Krankheiten  verfallen„ .  Aber für  das Hygienische,  für das Sanitäre der Schulführung„  und auch für ” die Pädagogik und Didaktik„  mussten sich die Lehrer selbst im Hinblick auf die Gesundheit verantwortlich fühlen und sich mit dem Thema der pädagogischen Bedeutung einer Erkenntnis vom gesunden und kranken Menschen beschäftigen,  auf  dass  die  Schüler  nicht  übermäßig  den  Einseitigkeiten  des  Unterrichts ausgesetzt sind.

 Nachdem wir in den einleitenden Vorträgen gesehen haben, wie zusammenhängt mit dem ganzen Gesundheitszustand des Menschen die Art, wie erzogen und unterrichtet wird, ist es ohne weiteres klar, dass eine wirkliche Pädagogik gar nicht ohne eine Berücksichtigung einerwirklichen Medizin sich entwickeln kann. Es ist ganz unmöglich, der Mensch muss eben nach seinen gesunden und kranken Verhältnissen beurteilt werden können von demjenigen, der ihn erzieht und unterrichtet, sonst kommt dasjenige heraus, was man auch schon fühlt: Man fühlt schon, dass der Arzt notwendig ist in der Schule. Man fühlt es stark und schickt den Arzt von außen hinein. Aber das ist die schlechteste Methode, die man wählen kann. - Wie steht der Arzt zu den Kindern? Er kennt sie nicht, er kennt auch nicht die Fehler, die zum Beispiel vom Lehrer gemacht werden und so weiter. Die einzige Möglichkeit ist diese, dass man eine solche pädagogische Kunst betreibt, wo soviel Medizinisches drin ist, dass der Lehrer konstant die gesundenden und kränkenden Wirkungen seiner Maßnahmen am Kinde einsehen kann. Aber wenn  man  außen  den  Arzt  in  die  Schule  hineinschickt,  dadurch  ist  noch  keine  Reform durchgeführt.. Die Einstellung zum Schularzt wird auch in diesen Worten ausgesprochen.

Der Schularzt sollte dem Lehrer nicht die Aufgabe wegnehmen, den Gesundheitszustand der Schuler  zu  verfolgen.  Damit  wäre  ein  wesentlicher  Gesichtspunkt  ausgesprochen,  der  das Verhältnis  des  Lehrers  und  des  Arztes  beschreibt,  indem  Steiner  den  Lehrer  nicht  von  der Aufgabe  entlasten  will,  auch  die  gesundheitliche  Situation  der Schuler  zu  kennen.  Es  sollte nicht  als  eine  Stellungnahme  gegen  den  Schularzt  verstanden  werden,  sondern  als  ein Erinnern an die gesundheitliche Dimension der Pädagogik selber.

Interessant  ist  hier  auch  Steiners  Anmerkung  über  das  ” Medizinische„  in  der Waldorfpädagogik. Es steht in dem Zusammenhang von seinen Gedanken zur Lehrerbildung.

Steiner hält eine medizinische Grundbildung für einen wichtigen Teil der Lehrerbildung. Für die  Pädagogik  brauche  man  aber  eine  nicht  nur   aus  der  naturwissenschaftlichen Weltanschauung„   gewonnene,  sondern  eine  geisteswissenschaftlich  erweiterte Medizin,  die vor allem das Sinnliche auf geistige Art und das Geistige auf sinnliche Art sehen„  könne.

Die  Ausbildung  von  Arzt  und  Lehrer  sollte  sich  wesentlich  überschneiden:   Der  Arzt braucht eine etwas andere Menschenerkenntnis als der Pädagoge; nur eine etwas  andere. Es wäre notwendig, dass die Pädagogik so viel als nur möglich von Medizin durchzogen wurde, wieder dass die Medizin soviel als nur möglich von Pädagogik durchzogen wurde.„. Das Konzept  der  waldorfpädagogischen  Lehrerbildung  enthält  also eine  medizinische Grundbildung und ein eingehendes Studium der anthroposophischen Anthropologie, die sich sowieso um  eine  ganzheitliche  das  Medizinische  integrierende  Menschenbetrachtung bemüht. Auch  von  daher  sollten  die  Fähigkeiten  der  Lehrer  herrühren,  die Gesundheitssituation der Kinder zu beobachten und im Unterricht zu berücksichtigen.

Steiner  ist  zunächst  der  Meinung,  dass  es  der  Lehrer  sein  soll,  der  sich  mit  der Gesundheitssituation der Schuler beschäftigt. Er warnt vor dem Arzt-Spezialisten, der nicht in der  Pädagogik  und  in  der  Schule  drinnen steht  und  der  die  pädagogischen  Gesichtspunkte nicht  berücksichtigt.  Der  Lehrer  andererseits musste  sich  in  der  medizinischen  Betrachtung des Kindes schulen und das medizinische mit dem pädagogischen Wissen verbinden. Neben diesem  ersten  Gesichtspunkt,  der,  obwohl  er  zum  Arzt  kritisch  ist,  nicht  als Gegenargumentation gegen den Schularzt verstanden werden sollte, gibt es einen anderen, der sich  ergänzend  zu  dem  ersten  dann  auf  die  konkrete  Praxis  des  ersten  Schularztes  in  der Freien  Waldorfschule  bezieht.397  Hierzu  soll  etwas  über  die  Person  des  ersten  Schularztes gesagt werden und dann über seine Aufgaben und Tätigkeiten.

Der  erste  Schularzt  in  der  Freien  Waldorfschule  hieß  Eugen  Kolisko (1893-1939)398  und gehörte seit 1912 zu den österreichischen Schülern Steiners. Er war  Arzt, der im Geiste der damals  modernen  ” Wiener  Schule„   seine  medizinische  Ausbildung  erhalten  hat.  Sein  guter Freund W. J. Stein war vom Anfang an in Stuttgart als Waldorflehrer tätig, Dr. Kolisko kam ein Jahr später in die Waldorfschule. Er hatte dann von 1920 bis 1934 nicht nur als Schularzt zu  arbeiten,  sondern  auch  als  Fachlehrer  in den Fächern Englisch, Chemie und Naturkunde (speziell Anthropologie und Zoologie). Es war eine Persönlichkeit, die sich sehr intensiv mit der  phänomenologischen  goetheanistischen  Naturwissenschaft  beschäftigt  hat399  und  nachSchubert400 auch als Lehrer sehr begabt war.

Seine Position in der Schule war nicht die eines Außenstehenden, er  war  nicht ein Arzt, der  wiederum  außerhalb  der  Pädagogik  nur  in  der  Medizin  drinnen steht„ .  Zu  seinen Aufgaben gehörte die Behandlung der Fälle, die ” an das Pathologische„  grenzen. Solche Fälle wurden  auch  in  der  pädagogischen  Konferenz,  die  wöchentlich  stattfand  und  an  der  alle Lehrer  und  auch  der  Schularzt  teilnahmen,  besprochen.  Der  Schularzt,  der  das  Kindindividuell  untersucht  und  auch  in  der  Klasse  des  Kindes  hospitiert  hat,  fugte  dann medizinische Gesichtspunkte zu dem hin zu, was die Lehrer vorgebracht haben.

Da Steiner  an  den  ersten  Konferenzen  auch  gelegentlich  teilnahm,  ging  er  nach  einer Einzelbetrachtung  eines  Schulers  zu  einer  skizzenhaften  Beschreibung  der  Aufgaben  des Schularztes über:  Diese Institution des Schularztes musste man einrichten und so gestalten, dass  es  akzeptiert  werden  könne  von  der  öffentlichen Meinung. Man  sollte  eine  besondere Institution des Schularztes schaffen. Der Schularzt, der meiner Idee nach da sein musste, der musste  sämtliche  Schulkinder  kennen  und  im  Auge  behalten,  der  musste  im  Grunde genommen nicht einen speziellen Unterricht haben, sondern sich mit den Kindern sämtlicher Klassen beschäftigen, wie  es sich ergibt. Den Gesundheitszustand sämtlicher Kinder musste er  wissen,...  das wurde  eine  vollamtliche  Beschäftigung  sein...  Wir  sind  finanziell  nicht  soweit, dass wir es verantworten können... Es muss jemand sein, der ganz in der Schule drinnen steht.„ . Der Schularzt brauche zwar nicht ” einen speziellen Unterricht„  erteilen, Dr. Kolisko hat aber auch  die  Fächer  wie  Menschenkunde  oder  Gesundheitslehre,  Hygiene  und  Erste –Hilfe unterrichtet und war  damit  auch  ein Lehrer,  der  aus pädagogischen  Gesichtspunkten  herausurteilen konnte.

An  der  Tätigkeit  des  ersten  Schularztes  in  der  Waldorfschule  könnte  man  Steiners Vorstellungen über die Arbeit des Schularztes veranschaulichen . Er war nicht nur ein Arzt, sondern auch ein Lehrer, der mit der Pädagogik der Schule vertraut war. Er war  ein aktives Mitglied  des  Lehrerkollegiums,  der  die  Schuler  kennt,  sie  regelmäßig  untersucht,  in  den einzelnen  Klassen  hospitiert,  die  Lehrer  berät  -  über  Spezialfälle  oder  über  medizinische Zusammenhänge ihres Unterrichtes - und der in der Schule Sprechstunden anbietet.

An  dieser  Stelle  sind  vielleicht  einige  wenige  Bemerkungen  zu  dem  Selbstverständnis  der anthroposophischen  Medizin  und  Pädagogik  angebracht.  Was  die  anthroposophische Pädagogik  und  anthroposophische  Medizin  verbindet,  ist  die  gleiche  Art  der Menschenbetrachtung  und  daher  findet  man  hier  zwischen  ihnen  auch  Berührungspunkte, sonst gehört im Unterschied zur Pädagogik, die prophylaktisch wirken solle, der Medizin der Bereich der Therapie.

Die  Pädagogik  habe  die  Gesundheit  zu  fördern  durch  das  ” In-Einklang-Versetzen„   der Wesensglieder,  durch  die  Stärkung  der  Lebenskräfte  und  des  rhythmischen  Systems,  durch das  Harmonisieren  der  anderen  organischen  Systeme,  durch  die  Sinnespflege  usw.  Die Medizin habe andererseits ” das Pathologische„  zu behandeln und zu heilen. Die Medizin habe” die Substanzen und Kräfte„  zu kennen, die durch ihre Anwendung den Heilungsprozess von der Krankheit zur Gesundheit hinfuhren. Die Medizin muss dort ansetzen, wo die Pädagogiknichts mehr erreichen und bewirken kann. Neben  dem  Schularzt  hat  Steiner  bald  nach  dem  Anfang  der  Waldorfschule  auch  einen Förderlehrer  (Karl  Schubert),  eine Heileurythmistin  (Elisabeth Baumann-Dollfus) und  einen auch  therapeutisch  arbeitenden Mallehrer (Max Wolffhügel)  eingeführt, um  die  gesundende Wirkung der Schule noch zu verstärken.

Gesundheitsförderung und Waldorfpädagogik

Dissertation
zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie
an der Fakultät für Pädagogik
der Universität Bielefeld
Vorgelegt von Tomas Zdrazil Dezember 2000