Der Bau von keramischen Gefäßen ist eine der ältesten handwerklichen Techniken der Menschheit. Die ersten archäologischen Funde datieren etwa aus dem Jahre 5000 v. Chr.
Vielleicht entdeckten die damaligen Menschen, als sie ihre Herdstellen mit Lehm befestigten, dass dieser sich in der Flammenhitze verwandelte, die Farbe veränderte und zu einer festen Substanz wurde. Flechtstrukturen auf den ersten Funden legen auch die Vermutung nahe, dass zunächst Tonerde zum Abdichten von Flechtgefäßen verwandt wurde. Dabei mag so ein Gefäß ins Feuer gekommen sein, wobei man die Entdeckung machte, dass die aufgetragene Schicht sich verhärtete und verfestigte. Vielleicht kann man sich aber auch die damalige Menschheit bewusstseinsmäßig noch so mit den Naturkräften verbunden denken, dass sie wie durch eine innere weisheitsvolle Führung die Naturvorgänge in ihren Dienst nehmen konnte. Es war noch mehr ein intuitives Ergreifen der Naturzusammenhänge. Töpferkunst ist eine Technik, die erst durch den Einsatz des feurigen Elementes möglich wurde. Der griechischen Sage nach brachte einst Prometheus den Menschen das Feuer. Die tiefere Bedeutung davon kann man darin sehen, dass mit dem Feuer den Menschen die Anfänge der irdischen Kulturen möglich wurde. Es hegt in diesem Element auch ein Gleichnis, denn es ist schon ein Wunder, wie so eine Flamme anscheinend aus dem Nichts entstehen kann. Es bedarf nur einer sehr starken Reibung eines Gegenstandes und plötzlich steht er wie ein Zauberwerk in Flammen. So kam auch mit der Handhabung des Feuers durch die Kunst des Umwandelns der Materie ein neues Licht zu den Menschen. Auf diesem Feuer standen die ersten Schmelztiegel unserer Kultur. In diesem Feuer wurden denn auch die ersten irdenen Tiegel gebrannt. Man kann annehmen, dass zunächst die Gefäße mit der Hand oder Faust aus dem Klumpen gedrückt und gezogen wurden. Das Greifmaß der Hände gab ihnen die äußere Gestalt. Bald schon gelangten die Menschen zu größerem Geschick und verfeinerten Techniken. Die erste mechanische Drehscheibe kennen wir schon aus der Zeit ca. 3500 v. Chr. Sie ist seitdem nur wenig bis zu unserer Zeit verbessert worden. Die Kenntnisse über Materialbeschaffenheit, Mischungen mit Sand oder Stroh, um den Ton zu entfetten, Färbungen und Glasuren wuchsen schnell, und schon bald kann man von keramischen Hochkulturen sprechen, die wir auch heute nicht übertreffen können. Die Töpferkunst ist ein Gebiet, aus dem wir Geschichte lesen können. Die Unvergänglichkeit der gefundenen Scherben und Gefäße lässt uns wie eine Schrift Einblick in die einzelnen Kulturstufen gewinnen. Schrift ist auch, was die früheren Menschen dem geschmeidigen Material als Zeichnung, als Ornament eingaben. Früher waren die Menschen viel stärker eins mit den von ihn geschaffenen Dingen. Die nüchterne Abstraktion war noch nicht geboren. Sie erlebten in dem Fuß des Gefäßes ihren eigenen Standpunkt auf der Erde. In der bauchigen, umgreifenden Form erlebten sie ihre eigene Körperhaut, die Raumhaft-Inneres umfassen und bergen will. Dieser menschliche Bezug ist noch mehr zu spüren, wenn die ausschwingende Form des Gefäßes sich wie eine Schulter zurückbiegt und dann zu einem Hals verengt: Wie ein sphärischer Kopf ist darüber der Austausch von Innen und Außen durch die Öffnung. Henkel sind Ohren-Arme, ein Zierrat der Gefäße. Kulturen, die sich m besonderem Maße hineinträumten m die Dinglichkeit, die die heute übliche Abgrenzung von Innen und Außen noch nicht vollbringen konnten, dem kultischen Bezogensein von Mensch und Ding noch ganz ergeben waren, verwandelten dann diese Gefäße gemäß ihrer Formanalogie in Götter-, Tier- und Menschengestalten. Es ist ein Weg, der zur Plastik führt, die sich dann auch schon früh aus dem Keramischen herauslöste. Man darf diesen Gestaltungsvorgang, der aus reiner Formensprache zum Ding kommt, auf keinen Fall verwechseln mit heutigen Spielereien, wenn man z. B. eine Kuh formt, sie aushöhlt und darin Butter auf dem Tisch serviert! Fast jede Kultur nimmt ihren Weg über die archaische, einfache, strenge Form zu immer feiner gegliederter klassischer Gestaltung, bis sie dann im spielerisch Überzogenen zerfällt. Die innere Sprache wird dann zur Oberflächenerzählkunst. Man kann die keramische Kunst zwischen zwei Extremen sehen. Diejenige, die im höheren Anliegen zu guten plastischen Formen gebracht wird, deren äußere Gestik wahrer Ausdruck des Zweckes ist, dem sie dienen soll. Der plastisch-künstlerische Vorgang kann sich aber herauslösen, dass der Zweck sekundär wird und die Form immer mehr zum selbständigen plastischen Gebilde kommt. - Das andere Extrem führt zu immer größerer Virtuosität. Man überzieht die Möglichkeiten des Materials durch Hilfsmittel und kommt so in eine erzählerische Verspieltheit. Klassisches Formanliegen gerät dabei in den Hintergrund. Hier kommen nun auch neue Techniken hinzu: Plattentechnik, Gußkeramik und Abdruckkeramik. Schon bei der Plattentechnik löst sich der Arbeitsvorgang meist aus dem elementaren Bezug der Hand zum Werk und benötigt planende Konstruktion. Die Statik des Tones, mit der man bei der Aufbaukeramik oder auf der Drehscheibe zu ringen hat, muss ausgetrickst werden. In dieses Gebiet fällt dann auch die Nachahmung von Gefäßen aus anderen Materialien, wie z. B. Metall oder Holz usw. Diese übernommenen Formelemente wird man der Töpferware fremd, ja aufgesetzt empfinden, sobald man selber einmal keramisch produktiv war. Hier ist nun auch der Ansatz für unser keramisches Üben in der Schule. In den Unterricht der 10. Klasse fallen ja mehrere neue handwerkliche Techniken, die im Drittel-Jahresrhythmus abgewechselt werden. Der Schüler tritt in der Oberstufe aus dem stark ganzheitlich gehaltenen Unterricht der Unter- und Mittelstufe heraus, wo Praktisch-Körperliches mit der Kopfarbeit eine rhythmische Durchdringung erfuhr. Der Unterricht erreichte hier noch den ganzen Menschen. Das verliert sich nun mehr oder weniger, denn der Jugendliche geht immer mehr in bewussten Abstand zu den Dingen und lernt so, verstandesmäßig neu mit ihnen umzugehen. Der nun vom Verstandesleben getrennte Wille braucht eine Schulung und eine Aufgabe. Er soll die Dinglichkeit für den Schüler aufschlüsseln und ihn erdentüchtig werden lassen. Es gilt hier, anders noch als im schöpferischen Tun des Malens und Plastizierens, planend zu arbeiten und folgerichtig auszuführen. Hier kann der abgelöste Verstand zur Realität hingeführt und willenhaft wieder eingebunden werden. Das Zwischenreich des Gefühlshaften, in dessen Bereich auch Material-, Form- und Farbwahlliegen, muss sich ganz dem verstandesmäßigen Werkplan unterordnen und auch dem, was technisch möglich oder unmöglich ist im Umgang mit dem speziellen Werkstoff. Vor Beginn des Töpferkurses haben die Schüler schon plastisch gearbeitet und dabei prakatische Erfahrung mit dem Ton gemacht. Ein Gefühl für die runde Form und deren kraftvolle Geste, die auch jedem keramischen Gefäß innewohnt und die durch das Umgreifen mit der Hand entsteht, ist bereits erwacht. Das ist Atmen der Formen nach Innen und Außen und eine wechselvolle Spannung der Maßverhältnisse, wenn man sie in bestimmte Proportionen zueinander bringt. Zunächst aber schauen wir uns die verschiedenen Tonmaterialien an, deren Substanzunterschiede u. a. durch die Beigaben verschieden großer Schamotte - also schon gebrannter und zu Körnung gemahlener Ton - entstehen. Je gröber der Schamottsand, desto stärker und dickwandiger kann man arbeiten. Für die Töpferscheibe eignet sich nur der fette Ton, der wegen seiner starken Schrumpfung beim Trocknen nur ganz dünnwandig verarbeitet werden darf. Grobschamottierter Ton schrumpft wesentlich geringer, weil viel weniger Feuchtigkeit darin gebunden ist. Er kann auch durch seine Poren eventuell eingeschlossene Luftbläschen entweichen lassen, andernfalls diese bei Erhitzung durch ihre Ausdehnung das Gefäß explodieren lassen. Hier stellt sich das Material willenshaft dar. Hier gilt für den Schüler nicht das bekannte: das will ich aber so. Hier stärkt sich menschlicher Wille am Widerstand des Stofflichen. Der Übergang vom Plastischen ins Keramische ist leicht für den Schüler. Wir beginnen wieder mit einer Kugel, die wir langsam drehend in der Hand aushöhlen, bis nur noch eine dünne Wand übrig bleibt. Es ist so eine Art Vorstoß der Persönlichkeit in das Material. Den meisten Schülern gelingt es dabei, die straffe, kugelige Form zu erhalten, ohne dass das Gefäß ausleiert. Dann beginnen wir mit der ersten Übung in der Aufbaukeramik. Über dem Gefäßboden werden die Wände durch sich nach oben windende Tonschlangen aufgebaut. Die erste Aufgabe dabei ist schwer, denn nun soll auf diese Weise eine gerade Wand hochgezogen werden. Es entsteht der erste Becher. Dann wird die gekrümmte Wand geübt. Als nächste Aufgabe gilt es, Gerade und Krümmung zu verbinden und zu kombinieren. Es entsteht das Fuß-Bauch-Hals-Gefäß. Ihm fügen wir nun den ersten Henkel an, der Gefäßrand wird an einer Stelle vorgelappt. So entsteht der erste Krug. Danach sind die Schüler eigentlich frei, sich ihre Themen selbst zu wählen. Sehr tüchtige Leute wagen sich sogar an eine Teekanne. Die fertigen Arbeiten werden getrocknet und im Brennofen geschrüht, wobei der gebrannte Ton eine andere Farbe angenommen hat. Dann wird eine Glasur aufgetragen und die Gefäße nochmals bei höherer Temperatur gebrannt. Nebenbei läuft die Arbeit auf den Töpferscheiben. Jeder Schüler muss auf der fußbetriebenen und auf der elektrischen Scheibe üben. Das ist für viele ein hartes Brot, und nirgendwo erlebt man so spontan die Rückschläge seiner Fahrlässigkeit, Ungeduld und Unkonzentriertheit als hier. Man sitzt da wie ein Dompteur und muss fast mit magischer Gewalt und doch wieder Zurückhaltung seine Führungskräfte einsetzen. In der 12. Klasse läuft parallel zum Französisch nochmals der Töpfer- und Plastizierunterricht. Hier wird mit dem Blick auf Kulturgeschichtliches die Aufbaukeramik aufgegriffen. Das Ornament, die farbig gestaltete Oberfläche steht im Vordergrund. Ornament sollte nie auf einer Keramik zum Selbstzweck werden, sondern Form ergänzen und unterstützen. Man kann herrliche Plastik mit einer falschen Verzierung verderben. An dieser Arbeit erlebt man, wie ein Jahr schöpferischer Pause im keramischen Tun sich bei den Schülern fruchtbar auswirkt und ihre Formkräfte sich in der Zeit gestärkt haben. Ein weiteres Thema rührt dann noch an die Aufgabe, Gefäßformen in Plastik überzuführen, um dann wieder die rein plastische Arbeit aufzugreifen. So wie in der 10. Klasse umgekehrt das Plastizieren am Anfang steht und in das Topfern übergeht. Hiermit schließt sich ein Kreis. Gunda Rückner aus: "Mitteilungen" Nr. 27 der RSS Hamburg-Nienstedten |