Epochen
Menschen- und Tierkunde im 4. Schuljahr
Diese erste Epoche wurde von Rudolf Steiner mit den ersten Waldorflehrern exemplarisch so anschaulich besprochen, dass noch heute die dargestellten methodischen Schritte die bedeutende Hilfe darstellen. Von dem Gelingen dieser Epoche, die in diesem Kindesalter etwas ganz Besonderes veranlagen soll, hängt viel ab, und daher trägt man als Lehrer wieder eine große Verantwortung.


 

Von der Aufrechten und der Aufgabe unserer Hände

Man beginnt mit der Betrachtung des Menschen und zeigt den Kindern, wie und wo sich in der Menschengestalt kosmische Formen widerspiegeln. Besondere Beachtung wird den Aufgaben unserer Beine mit den Füßen im Gegensatz zu denen unserer Arme und Hände geschenkt. Die Kinder sollen fühlen lernen, wie alles, was wir mit den Händen in der Welt arbeiten, dadurch möglich ist, dass diese uns im Gegensatz zu den Gliedmaßen der Tiere nicht mehr tragen oder unserem Leibe dienen müssen, sondern gewissermaßen "frei" geworden sind. Wir Menschen können Werkzeuge erfinden, um mit den Händen verschiedenste Dinge zu tun, während bei den Tieren die Gliedmaßen wunderbar eingerichtet sind, gleichsam wie "Werkzeuge" dem Leibesleben dienen (z.B. Flossen, Hufe, Tatzen, Krallen, Pfoten, Flügel, Schwimmhäute), aber nur für den begrenzten Lebensraum sinnvoll sind. Die Kinder verstehen schnell, was damit gemeint ist, wenn man sie fragt, ob die Pfoten eines Eichhörnchens auch für ein Kamel in der Wüste geeignet seien, und umgekehrt dessen Hufe für ein Leben in den Bäumen.

Die Bedeutung unserer aufrechten Menschengestalt und die Aufgaben unserer Hände im Gegensatz zu denen der Füße soll aus der ganzen Art der Tier- und Menschenbetrachtung deutlich werden. Wie alles im Unterricht hat auch dies auf künstlerisch-lebendige Weise zu geschehen. Steht dem Klassenlehrer der Verlauf der Epoche erst einmal deutlich vor Augen, so fällt es leicht, diejenigen Tiere auszuwählen, an denen man das Unterschiedliche besonders gut den Schülern zeigen kann.

Es gibt während der vier Wochen (mit weniger Zeit ist es kaum zu schaffen) viel zu erzählen, nachzuerzählen, an Fragen zu beantworten, dann auch manches zu zeigen, zu malen und schriftlich abzufassen. Hat man auch schon viel früher mit eigenen kleinen Niederschriften begonnen, so ist besonders jetzt die Zeit gekommen, wo so manches von den Schülern selbst formuliert und zu Papier gebracht werden sollte, und dazu eignet sich das Beschreiben von Tieren besonders gut.

Das Malen mit Wasserfarben erhält in diesem Schuljahr ebenfalls einen neuen Akzent: Von den reinen Farbübungen geht man dazu über, Gegenständliches auszudrücken, und dazu eignet sich besonders das Malen von Tierbildern. Hier kommt es wieder auf eine geschickte Einführung des Klassenlehrers an, der sich darauf vorbereitet hat, dass es anstelle einer naturalistischen Nachbildung darum geht, mit der Farbe zugleich das Seelische der Tiere zum Ausdruck zu bringen. Die Eltern entdecken dann am Elternabend an der Pinnwand im Klassenzimmer beispielsweise blaue Elefanten und Kühe oder rotgelbe Löwen in entsprechend farbig gestalteter Landschaft, und so manche Frage mag sich daran anknüpfen. Vielleicht ergibt sich daraus, selbst einmal am Elternabend mit Wasserfarben zu malen, um die Erlebnisse der Kinder besser nachvollziehen zu können.

Von den Kindern wird diese Epoche im allgemeinen sehr geschätzt, denn von Tieren hören sie liebend gern, wissen oftmals auch sehr Interessantes beizutragen, so dass sich manch gutes gemeinsames Gespräch ergeben kann. Nähert sich die Menschen- und Tierkunde ihrem Ende, so fällt es wohl jedem Lehrer schwer, "leider schon" abschließen zu müssen. Ist man doch inzwischen so gut in dieses Fachgebiet eingedrungen und hätte es nun leicht, in dieser Weise weiterzumachen! Aber die nächste Epoche ruft und muss unbedingt zu ihrem Recht kommen!

Helmut Eller, Hamburg
 
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